Genesis 19,29 bestätigt diese Wahrheit noch einmal: „Gott gedachte an Abraham und errettete Lot aus den in der Sünde verwüsteten Städten.“ Gott ist ein Bundess Herr. Der Segen, den er Abraham zusagt, verbindet sich mit Lot. Wenn wir die Bibel lesen, sollten wir die Ereignisse nicht isoliert sehen, sondern im großen Zusammenhang von Gottes Bund und Geschichte der Erlösung. In diesem Sinne hilft der Leseplan für die Bibel dabei, die einzelne Geschichte nicht als getrennt, sondern als Teil eines großen Plans zu erfassen.
Ein weiteres nicht zu übersehendes Bild ist Lot’s Frau. Trotz des klaren Verbots, nicht zurückzuschauen, tut sie es doch – und wird zur Salzsäule. Das ist kein bloß Neugierde. Obwohl der Körper das Stadtgebiet bereits verlässt, hängt ihr Herz noch dort. Der Ausstieg aus Sünde bedeutet mehr als nur einen Ortswechsel. Es erfordert, auch die Bindungen und die Trägheiten abzulegen. Auch wenn man äußerlich den Glaubensweg beschreitet, kann man innerlich noch an den weltlichen Werten hängen und die Sünden bedauern. Dann schaut man vielleicht schon zurück. Jesus warnt in Lukas 17,32: „Gedenkt an Lots Frau.“ Diese Warnung ist noch einmal schärfer, weil sie die Gefahr zeigt, im Angesicht der göttlichen Gerichtsbarkeit noch an einem veralteten Herzen festzuhalten.
Wenn wir die Geschichte im Hinblick auf das eigene Leben sehen, werden wir überraschen, wie nahe sie uns kommen kann. Manche leben scheinbar ehrlich und fleißig, doch im Herzen wächst Spott gegenüber anderen. Manche ignorieren die Bedürfnisse ihrer Nachbarn, obwohl sie es besser wissen. Andere sind durch die gesellschaftliche Stimmung taub für Sünde, obwohl sie sie eigentlich erkennen. Das Problem von Sodom ist nicht nur der Ort, sondern eine menschliche Grundhaltung, die ohne Gott erstarrt.
Das Neue Testament nimmt die Geschichte ernst. Judas 7 spricht davon, dass Sodoms Verderben „ein ewiges Feuer zum Beispiel ist.“ 2. Petrus 2,6 fügt hinzu, dass Gott die Städte durch Asche verwüstet und so ein Beispiel für die Unbüssgigkeit der Menschheit gibt. Sodoms und Gomorras Geschichte ist weniger eine Geschichte längst vergangener Zeiten als eine Warnung, wohin eine unbekehrte Haltung führt. Gleichzeitig mahnt sie, wie ernst Gottes Wort genommen werden muss. Wenn man Gottes Wort gering schätzt, wird auch Sünde leichtfertig. Und wenn Sünde leicht genommen wird, ist das Gericht nur noch eine Formalität.
Aber die Warnungen enden nicht mit Verzweiflung. Sie sind dazu da, Menschen zum Umkehr zu bewegen. Beim Blick auf die Zerstörung Sodoms sollten wir uns zwei Dinge vor Augen führen: Erstens die Unterscheidung, was Sünde ist, und zweitens das Vertrauen auf die Rettung, die Gott bereitet hat. Im Evangelium ist beides klar: Jesus Christus hat für Sünder das Gericht getragen. Wer an ihn glaubt, wandert vom Tode ins Leben. Vor diesem Hintergrund ist keine überwältigende Angst oder Distanzierung das Gebot. Es ist vielmehr wichtig, unsere Hybris und Trägheit vor Gott zu erkennen und in Demut um seine Gnade zu bitten.
Wenn wir die Kapitel 18 und 19 Gottes langsam erneut lesen, erkennen wir, wie die Fürbitte Abrahams, Lot’s Zögern, die Dringlichkeit der Engel und die Barmherzigkeit Gottes eine gemeinsame Linie bilden. Diese Texte fordern uns immer wieder auf, sie im Lauf der Bibellese zu vertiefen, um unser Leben neu auszurichten. Kurze Reflexionen wie das Heute-Wort helfen uns, den Warnungen und Zusagen Gottes im Alltag nicht zu entgehen.
In diesem Zusammenhang stellen wir uns folgende Fragen: Was nehme ich als selbstverständlich hin? Wo ist die Ehrfurcht vor Gott verloren gegangen? Gibt es noch ein Zurückblickendes Herz in den Zeiten, in denen Gott ruft? Der Bericht über Sodom und Gomorra ist kein Fernblick auf eine verfallene Stadt, sondern ein stiller Spiegel für die Orientierung des eigenen Herzens. Diese Geschichte lehrt keine bloße Gerichtsbarkeit. Sie lädt uns ein, Gottes Heiligkeit und die Treue seines Bundes wieder neu zu sehen. Wenn wir das erkennen, werden wir nicht im Schrecken verharren, sondern mit Buße und Glauben neu vor Gott treten.